…den Redaktionschef der Sportwoche Gerald Enzinger

Posted On 06 Dez 2013
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1.) Gerald Enzinger, Redaktionschef der Sportwoche, seit vielen Jahren in Kenntnis vieler Fußball-Interna, wie sehr überrascht Dich dann ein Wettskandal wie dieser wirklich noch oder ist es nur überraschend, dass er an die Öffentlichkeit dringt?

Überraschend ist, dass er nicht von außen entdeckt wurde, sondern von einem Beteiligten geoutet wird. Irritierend ist, dass es sich dabei nicht im einen der „üblichen Verdächtigen“ handelt, sondern um einen Menschen, der Kapitän seiner Mannschaft war – einer, dem man das nie zutrauen würde. Das ist das eigentlich beunruhigende an der Sache, man erwischt sich nun dabei, einen Generalverdacht gegen die Spieler, die nicht allzu bodenständig wirken, zu hegen.
Befremdlich ist, wenn  der Wettbetrug wirklich über einen so langen Zeitraum von neun Jahren vollzogen wurde – und das nie jemand bemerkt haben soll.

2.) Österreich ist eigentlich nicht gerade ein Land, in dem Skandale häufig von Journalisten aufgedeckt werden, das gilt auch für den Sport. Woran liegt das? Ist das mangelndes Insiderwissen oder doch auch die Tatsache, dass Journalisten eigentlich mitspielen müssen, um nicht ihre Netzwerke zu verlieren?

Der Hauptgrund ist sicher der Faktor Zeit. In Österreich kann es sich kein Medium leisten, einen Redakteur monatelang auf so eine Geschichte anzusetzen – wie das vielleicht in der Deutschland Magazine wie „Der Spiegel“ können. Und wenn man sieht, dass die Polizei seit Jahren in der Szene ermittelt – und dann eigentlich nur den einen Zufall weiterkommt, sieht man schon wie komplex die Materie ist.
Es ist weniger ein Problem des Journalismus, als eine recht typisch österreichische Art des Wegschauens. Ich denke, wenn in Asien hunderttausende Euro auf Details von österreichischen Zweitliga-Spielen gesetzt werden, dann müsste man bei den Ermittlungen schon präsenter sein. Und ich denke, da wäre schon auch die Bundesliga gefordert – jetzt quasi nur mit dem Finger auf die Polizei zu deuten und auf deren angeblich fehlende Kommunikationsbotschaft, ist das falsche Signal. Die Bundesliga muss der oberste Hüter der Marke Bundesliga und ihrer Werte sein – sie hat die Pflicht, das Haus möglichst sauber zu halten. Sie ist es, die der Polizei und den Behörden Druck machen muss – und nicht froh sein darf, wenn alles unter der Decke bleibt.

3.) Wie sehr  hat ein Journalist mit der Macht und Willkür von Funktionären zu kämpfen?

Ich denke, dass ist nur ein Problem für Journalisten, denen die Anerkennung durch die Funktionäre über alles geht. Jene, die selbst Teil der Netzwerke der Macht sein wollen. Wenn eine Journalist in Österreich eine gute Story machen will, kann er sich nur selbst im Weg stehen, oder seine Eitelkeit. Zudem ist Zeit der Patriachen unter den Klubpräsidenten vorbei, Typen wie Hannes Kartnig funktionieren im Zeitalter von Social Media nicht mehr. Der war der letzte, der in den Grazer und Wiener Redaktionsstuben nahezu das Meinungsmonopol hatte – und man hat gesehen, wo so etwas hinführt.

4.) Zurück zum Fußball und zur Wettmafia – bitte eine Prognose, ist das nur die Spitze des Eisberges ?

Es ist sicher nur die Spitze des Eisbergs, in Wahrheit hängen ja alle jetzt unter Verdacht stehenden Spiele irgendwie zusammen, und sind im Netz der selben – zufällig geouteten –  Tätergruppe. Da kann man sich schon vorstellen, dass es noch ähnliche Gruppierungen gibt. Aber umgekehrt dürfen wir nie vergessen: der Betrug ist immer noch die Ausnahme, und 99 Prozent aller Spiele(r) sind sicher clean.

5.) schließlich bitte deinen Vorschlag, wie man in Zukunft derartige Manipulationen unterbinden kann.

Zum einen durch hinschauen. Wenn ein Spiel der zweiten österreichischen Liga in Asien so ein Thema ist, dass binnen Minuten hunderttausende von Euro gesetzt werden, dann muss dieses Match akribisch untersucht werden.
Juristisch denke müsste man in zwei Etappen denken: Spielern, die Chance geben, sich jetzt noch anonym zu outen und in einer Art Kronzeugenregelung weitgehend straffrei davon zukommen. Dafür muss es für alle Vergehen, die in Zukunft passieren, rigorsose Strafen geben.
Und für die nächsten Jahren muss das Schicksal des Dominique Taboga Abschreckung genug sein: er ist gerade mal 31, darf nie wieder seinem Beruf nachgehen, sein Ruf ist zerstört, seine Familie leidet, er ist bankrott und es wird nahezu unmöglich, je wieder im Fußball einen Job zu bekommen. Und ich glaube ihm, dass er in den letzten Monaten rund um diese Erpressungen und den ganzen Druck wirklich durch die Hölle gegangen ist. Jeder junge Fußballer, der dieses Schicksal nun erlebt und nicht den einzigen möglichen Schluß daraus zieht, dem ist nicht zu helfen. Also vermute ich, dass der Fall Taboga wenigstens dazu führt, dass es für die Mafia schwieriger wird, Fußballer in ihre Fänge zu bekommen. Zumindest für die nächsten 2, 3 Spielergenerationen.